Auswertung der Action Weeks 2009

Danke an die autonome Gruppe die uns im besten diy-stil diese Auswertung der Action Weeks 2009 hat zukommen lassen!

Unserer Auswertung der Actionweeks 2009

Ganz nach dem Motto „lieber spät als nie“ kommt hier unsere Auswertung der Actionweeks 2009, die im Juni des letzten Jahres in Berlin stattfanden.

Der Text wurde bereits im Spätsommer geschrieben, konnte jedoch aufgrund einiger Problemchen noch nicht veröffentlicht werden. Dementsprechend sind einige Ereignisse, die uns gewisse Dinge etwas anders betrachten lassen, noch nicht mit eingeflossen. Trotzdem denken wir kann es nicht schaden den Text jetzt noch nach zuschieben, da es allgemein viel zu wenig schriftliches gibt, was sich mit den Aktionen und Entwicklungen im Kampf gegen Gentrifizierung auseinandersetzt.

Rückblick

Uns geht es hier um eine kleine Auswertung dieser zwei Wochen, um unsere Grenzen kennenzulernen und die Bereitschaft zu wecken, immer weiter über diese hinaus zu gehen, um Kritiken und Selbstkritiken zu formulieren, sowie eine Einschätzung zu geben, wie es weiter gehen könnte. Unser Fokus richtet sich eher an die militanten Aspekte dieser Tage, will sich aber nicht darauf beschränken und einen weiter gefassten Bogen ziehen.

Diese zwei Wochen waren sehr intensiv, mit langen Tagen und Nächten, die oft stressig und erschöpfend waren, uns aber auch einiges neues gebracht haben: seien es neue Bekanntschaften im Kampf oder die Bestätigung, dass autonome, anarchistische und emanzipatorischen Kräfte in dieser Stadt noch lebendig sind und es auch schaffen wenigstens zeitweise ihren Feinden in die Suppe zu spucken.

Im Großen und Ganzen denken wir, dass die Sachen, die im letzten Jahr gut gelaufen sind, auch dieses Jahr funktioniert haben. Leider war es auch andersherum genauso, dass was nicht so richtig geklappt hat, lief wieder schief. Was meinen wir mit solch einer verkürzten Aussage?

Heisse Nächte, ruhige Tage

Wie sich schon im letzten Jahr gezeigt hat, gibt es eine Vielzahl von Menschen in dieser Stadt, die mit ihren Kampfformen gerne über die Gesetzesgrenzen hinaus gehen. Verschiedenste militante, direkte Aktionen fanden im letzten Jahr statt, dies wurde in diesem Jahr noch verstärkt wiederholt: militante Aktionen gehören zum Alltag vieler Menschen in dieser Stadt, nicht nur während der Actionweeks, und sind zum Glück und zu unserer Freude zur Alltäglichkeit geworden. Luxuskarren brennen, Steine fliegen gegen kapitalistische Symbole, Farbbeutel markieren Gerichte und auch die Bullen bekommen ab und an ihren Anteil. Es folgt keine Woche, in der nicht über stattgefundene, direkte Aktionen berichtet wird, oftmals
passieren diese auch täglich. Neben den Berichten darüber, werden auch öfters die Themen und Motivationen erwähnt, die zu solchen Aktionen führen, wenn nicht gar Teile der Erklärungen zitiert werden: die Medien können darüber nicht mehr schweigen, wie sie es sonst in der
Vergangenheit oft gemacht haben. Wahrscheinlich passierte dies unter dem Druck des Repressionsapparates, wo die Angst vorherrscht mit Berichten Werbung für direkte Aktionen zu machen, was wiederum zu einem Nachahmungseffekt führen würde. Insofern war es für uns keine Überraschung zu sehen, wie die vielen militanten Zellen oder Individuen dieser Stadt die Actionweeks wieder zum Anlass genommen haben, um ihre aktive Ablehnung gegen die herrschenden Zustände zum Ausdruck zu bringen.

Trotz der massiven Präsenz der Bullen in den Kiezen, wo üblicherweise direkte Aktionen stattfinden, hat es jede Nacht gekracht und gescheppert. Egal, ob in Tempelhof bei der DHL, im Prenzlauer Berg bei Luxuswohnquartieren und Lofts oder bei in der ganzen Stadt verteilten Naziläden. Die Fläche und Größe der Stadt wurde dieses Mal besser genutzt und sich nicht auf wenige Bezirke beschränkt: viele haben die Notwendigkeit erkannt, die Bullen überraschen zu müssen. Dadurch wurde sich der Repression entzogen und eine Unberechenbarkeit und Unkontrollierbarkeit für die Bullen, welche uns größere Handlungsspielräume gibt, erreicht. Wenn es nur in den üblichen Kiezen geknallt hätte, wären mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Personen verhaftet worden. In Anbetracht der Anzahl der Aktionen, die stattgefunden haben, bleiben die Verhaftungen einzelne Fälle. Den schikanierten Personen gilt übrigens unsere Solidarität, genauso wie allen anderen, die Probleme mit dem Repressionsapparat haben.

Im generellen hat sich innerhalb der letzten Jahren gezeigt, dass die Bullen mit dezentralen Konzepten nicht klarkommen. Ein Konzept, das ihren stumpfen Apparat überfordert. Dort müssen wir weiter ansetzen, um für uns die bestehenden Handlungsfelder zu erweitern und neue zu eröffnen.

Sehr begrüßenswert ist auch der qualitative Anstieg der Auswahl der Ziele: während im letzten Jahr eher viele Nobelkarossen gebrannt haben (was auch gut ist und uns weiterhin als notwendig erscheint), wurden dieses Jahr eher gezieltere, besser vorbereitete Aktionen durchgeführt, die auch andere Themen in die Actionweeks miteinbezogen und damit verknüpft und dadurch für eine Erweiterung gesorgt haben, die aufzeigt, dass wir nicht nur einen Teil des Kuchen, sondern die ganze Bäckerei wollen. Die Auswahl der Themenfelder reichte von Antimilitarismus, Anti-Sicherheit und -Überwachung und aktiver (anstelle von karitativem) Antirassismus, um nur einige zu benennen.

Die Möglichkeiten der Kommunikation durch Erklärungen wurde in vielen Fällen genutzt, leider lässt dies ansonsten eher zu wünschen übrig.

Wir haben uns vor allem über einen kleinen Erfolg gefreut, welcher nicht unbedingt auf die Actionweeks zurückzuführen ist, sondern auf einen lang anhaltenden Atem im Bezug auf direkten Aktionen, die sich auf ein spezielles Bauprojekt beziehen. Und zwar, dass die kontinuierlichen Angriffe auf das Luxusprojekt Carloft zu seinem andauernden Leerstand
führen. Dies offenbart die Notwendigkeit weiter auf dieser Schiene zu fahren: ein klares, abschreckendes Beispiel für zukünftige Investoren. Dadurch werden sich andere überlegen, ob Berlin wirklich ein gemütlicher Spielplatz für Investoren ist. Auch geht es darum zu zeigen, dass direkte Aktionen nicht nur symbolische Wirkung haben, sondern sich damit auch konkrete „Erfolge“ erzielen lassen.

Wenn wir sagen, dass uns die Nächte gehört haben, müssen wir auch zugeben, dass wir tagsüber unser Potenzial nicht wirklich genutzt haben. Wie meistens üblich in dieser Stadt (und anderswo in Deutschland), rächt sich der Repressionsapparat bei jeder angemeldeten Demonstration und
Kundgebung. Gewalttätige Räumungen wie etwa die am Michaelkirchplatz oder die Aggrobullen bei der Tempelhofbesetzung zeigen auf der einen Seite ihr hohes Organisationsniveau und ihre Brutalität, auf der anderen Seite aber auch ihr Bewusstsein ohnmächtig gegen militante Anschläge (in den meisten Fällen jedenfalls) zu sein und ihre Frustration deswegen. Fakt ist, dass sobald wir auf die Straße gegangen sind, und uns innerhalb eines berechenbaren und vorhersehbaren Rahmens bewegten, wir uns in die Hände einer darauf vorbereiteten Polizei begeben haben. Es ist kein Zufall, dass bei diesen Gelegenheiten die höchsten Quoten an Festnahmen zu verzeichnen waren. Deshalb bleibt hier die altbekannte Frage, wie wir besser gegen diese Angriffe vorgehen können: die Entschlossenheit der Demo am 1. Mai war ein guter Ansatz, der sich aber nicht ohne eine große Masse reproduzieren lässt. Wir würden an dieser Stelle von uns (wir inbegriffen) mehr Unberechenbarkeit und Bewegungsfähigkeit erwarten, um die Bullen zu überraschen und ihr ausgemachtes Spiel zu verderben. Dass heißt z.B. auf neu auftretende Situationen schneller zu reagieren und kreativ zu sein. Im schlimmsten Fall, bleibt uns die ganze Nacht, um unsere Antworten zu formulieren.

Das organisatorische Drumherum

Die Orga-Struktur, die von den WBA-AktivistInnen zur Verfügung gestellt wurde, war zum Großteil die selbe wie im letzten Jahr : PiratInnenradio, Infoticker, Infopoint, Stadtpläne der Kieze, in diesem Jahr war auf jeden Fall die Schaffung einer Antirepressionsgruppe zu begrüßen. Wie WBA selber auch gesagt hat, sie stellen die Struktur, andere machen Aktionen. Die Struktur hat auch dieses Jahr im großen und ganzen wieder gut funktioniert (vor allem haben wir uns über die öffentliche Empörung über den angekündigten PiratInnensender amüsiert…), dass gleiche kann leider nicht zu den halböffentlich angekündigten Aktionen gesagt werden. Im allgemeinen sind nicht wahnsinnig viele Leute z.B. bei den Besetzungen (am Michaelkirchplatz und in Friedrichshain) erschienen, was auch sicherlich mit der Tatsache zu tun hat, dass die Mobilisierungen nicht komplett öffentlich waren (dafür gibt es auch gute Gründe). Die Fahrraddemo war auch nicht so gut besucht, an diesem Tag war es sicherlich eine unglückliche Wahl die Termine zeitnah zu legen, zusätzlich gab es noch die Kundgebung vor dem Knast für die 1. Mai-Gefangenen – auch diese war unglaublich schlecht besucht.

Allgemein haben Möglichkeiten gefehlt, an denen Leute, die nicht unbedingt in Strukturen (halböffentliche oder klandestine) organisiert sind, aus welchen Gründen auch immer, teilhaben konnten. Dadurch blieb die Wahrnehmung der Actionweeks fast nur auf die nächtlichen Aktivitäten beschränkt, was natürlich auch nicht schlecht ist, aber dennoch einen sehr einseitigen Eindruck über diese Kämpfe hinterlässt. Eine bunte Mischung aus vielfältigen, breiten Aktionen kann der Vermittlung und Wahrnehmung also nur förderlich sein und eher einen Mitmach-Effekt erreichen.

Eine weitere Tatsache, die wieder einmal sehr auffällig war, ist das obwohl zu dezentralen, selbstorganisierten Aktionen aufgerufen wird, sich immer noch viele aufgrund verschiedenster Gründe nicht wirklich einbringen. Dies müssen wir weiter ausbauen und aber auch uns immer wieder bewusst machen, dass es z.B. für viele jüngere GenossInnen nicht immer einfach ist selbstständig etwas auf die Beine zu stellen. Die Möglichkeiten zur Beteiligung und unsere Konzepte sollten verbessert und überdacht werden. Es muss nicht immer gleich der große Brandanschlag sein, sondern es ist auch wichtig eine Vielzahl von Low-Level-Aktionen durchzuführen, wie etwa das Werfen von Farbbeutel, wo sich viele Leute beteiligen können, auch ist das Risiko nicht so groß und die Leute werden angestachelt militant aktiv zu werden.

In diesem Kontext sollte vielleicht auch wieder überlegt werden, ob es überhaupt Sinn macht, für die Actionweeks auf internationaler Ebene aufzurufen, sowie ob die Verlängerung von fünf auf 14 Tage tatsächlich für unsere Ziele förderlich war: Personen, die sich hier nicht wirklich
gut auskennen, sind wie die bayerischen Bullen am 1. Mai in Kreuzberg: sie kennen die Stadt und ihre Gegebenheiten nicht und wie es am besten ist sich hier zu bewegen. Es ist deshalb schwierig sie in bestimmte Konzepte einzubinden, wo für sie dann nur die offiziellen, angekündigten Aktionen blieben, von denen es aber viel zu wenig gab.

Die Tempelhof-Besetzung

Ein paar Gedanken zum spektakulären Versuch der Besetzung des ehemaligen Flughafen Tempelhof: die Aktion war eine der wenigen, die vorher breit angekündigt wurde und viele Möglichkeiten für unorganisierte Menschen bot.

Mit einer erfolgreichen Besetzung haben wir eigentlich zu keinem Zeitpunkt gerechnet, was spätesten klar wurde als sich abzeichnete das Politik und Bullen keinen Aufwand scheuen werden, um die Besetzung zu verhindern, um nicht noch eine weitere Schlappe einzufahren. Aber wahrscheinlich liegt genau darin der politische Erfolg dieser Aktion; denn wie konnte deutlicher gezeigt werden welche Interessen die Herrschenden verfolgen, als durch eine militärische Verteidigung einer Wiese, welche Anwohner_innen nutzen wollen.

Es war viel los an dem Tag, allerdings hat es unserer Meinung nach an Dynamik und Entschlossenheit gefehlt, weil es hätte doch einige Stellen und Möglichkeiten gegeben zur Zaunüberwindung, oder um zumindest den anwesenden Bullen einen Denkzettel zu verpassen. Die Stimmung war zum Teil sehr schleppend, was wir bei denjenigen, die keine feste Bezüge zu unserer Bewegung haben, verstehen können, jedoch in unseren Zusammenhängen eher kritisieren wollen und uns fragen, wieso wir nicht intensiver versucht haben die Situation zu unseren Gunsten zu nutzen…

Immerhin hat sich durch diesen Anlass gezeigt, wieso Berlin so viele Schulden hat: wenn 2,5 Millionen Euro bezahlt werden, um eine Wiese zu schützen, dann kann es bald nur zum Bankrott kommen, weil wir glauben, dass wir und viele andere weiter in der Angriffsposition bleiben werden, was hoffentlich sehr teuer werden wird.

Zu guter Letzt….

Wir hoffen, dass die Fehler, welche wiederholt gemacht wurden, reflektiert und Möglichkeiten diese zu verhindern diskutiert und entwickelt werden.

Wir denken, dass Qualität immer vor Quantität kommen sollte und dass wir aufpassen müssen, dass wir nicht aus einer gefühlten Stärke unsererseits, welche auf der gesteigerten Anzahl militanter Angriffe beruht, zu Übermut tendieren. Dementsprechend sollte die Steigerung von Actiondays 08 und Actionweeks 09 nicht unbedingt der Actionmonat 2010 sein, sondern es sollte vielmehr eine Strategie her, welche uns befähigt solche Aktionstage mit Taten und Worten zu füllen, welche dazu beitragen die Kämpfe gegen Stadtumstrukturierung und Kapitalismus noch mehr aus der Isolation zu holen. Dies können wir nur erreichen wenn es mehr Kommunikation miteinander gibt, wenn verschiedene Gruppen gemeinsam planen und sich die Aktionen trotz aller Vielfalt besser aufeinander beziehen. Wenn beispielsweise eine militante Aktion einen gemeinsamen Schwerpunkt mit einer öffentlichen Aktion teilt, können unsere Inhalte dadurch viel mehr Menschen erreichen. Dabei denken wir auch an die Einbindung der
selbstorganisierten Initiativen, welche in letzter Zeit reihenweise entstanden sind, in die Vorbereitung. Allgemein denken wir, dass die Möglichkeiten unsere Inhalte zu verbreiten und öffentlich zu machen noch lange nicht ausgeschöpft sind. Macht euch Gedanken, wir sind uns sicher es gibt viele gute Ideen….

An dieser Stelle wollen wir auch mal die Ausdauer der Menschen, die sich Monat für Monat auf die WBA-VV setzen und die ganzen AG`s reißen, würdigen. Unserer Meinung nach hat die Kampagne trotz einiger Kritik die wir haben (die natürlich uns alle betrifft) viel dazu beigetragen, die Themen Freiräume/Gentrifizierung in die Öffentlichkeit zu tragen. Deshalb
appellieren wir auch an alle sich in der Kampagne einzubringen, sich in Aktionsgruppen zusammenzuschließen und sich an Konzepten, welche auf der Idee der Selbstorganisierung und der Verantwortung aller beruht zu beteiligten.

Wir blicken gespannt auf das neue Jahr und werden uns mit viel Wut im Bauch und mindestens genauso viel Energie in die anstehenden Auseinandersetzungen stürzen und hoffen, dass es viele andere ebenfalls tun werden.

Eine Autonome Gruppe